Die Geschichte vom Lametta

25.12.2007

Weihnachten naht, das Fest der Feste-
Das Fest der Kinder – Fest der Gäste-
Da geht es vorher hektisch zu…..
Von Früh bis Abend – keine Ruh -
Ein Hetzen, Kaufen, Proben, Messen -
Hat man auch niemanden vergessen…?

So geht es mir – keine Ahnung habend -
Vor ein paar Jahren – Heiligabend -
der zu dem noch ein Sonntag war.
Ich saß grad bei der Kinderschar,
da sprach mein Weib: „Tu dich nicht drücken,
Du hast heut noch den Baum zu schmücken!“

Da Einspruch meistens mir nichts nützt,
hab kurz darauf ich schon geschwitzt:
Den Baum gestutzt – gebohrt – gesägt -
und in den Ständer eingelegt.
Dann kamen Kugeln, Kerzen, Sterne,
Krippenfiguren mit Laterne,
Zum schluß —- ja Himmelwetta……!
Nirgends fand ich das Lametta!

Es wurde meiner Frau ganz heiß
und stotternd sprach sie: „Ja, ich weiß,
im letzten Jahr war es arg verschliessen -
Drum habe ich es weggeschmissen.
Und – in dem Trubel dieser Tage,
bei Arbeit, Müh und Plage -
Vergaß ich, Neues zu besorgen!
Ich werde was vom Nachbarn borgen!

Die Nachbarn – links, rechts, drunter, drüber -
die hatten kein Lametta über
! Da schauten wir uns an verdrossen;
Die Läden sind ja auch geschlossen….

„Hört zu! Wir werden heuer haben
einen Baum — altdeutscher Stil,
Weil … mir Lametta nicht gefiel…“
Da gab es Heuler, Schlurzen, Tränen…
und ich gab nach den Schmerzfontänen:
„Hört endlich auf mit dem Gezeta —
ihr kriegt nenn Baum – mit viel Lametta!“

Zwar konnt ich da noch nicht begreifen,
woher ich nehm die Silberstreifen…!
Doch grade, als ich sucht – mein Messa -
da ließ ich: „Hengstenberg MILDESSA“..
Es war die Sauerkrautkonserve!
Ich kombinier mit Messers Schärfe:
Hier liegt die Lösung eingebettet,
das Weihnachtsfest, es ist gerettet!!!!

Schnell wurde der Deckel aufgedreht,
das Kraut gepresst, so gut es geht -
zum Trocknen – einzeln – aufgehängt-
und dann geföhnt, — doch nicht versengt!!
Die trocknen Streifen, sehr geblichen
mit Silberbronce angestrichen -
Auf beiden Seiten, Silberkleid!
Oh freue Dich, Du Christenheit!

Der Christbaum war einmalig schön,
Wie selten man ihn hatte gesehen!
Zwar rochs süßsauer zur Bescherung,
geruchlich gabs ne Überquerung,
weil mit Benzin ich wusch die Hände,
mit Nitro reinigt die Wände,
dazu noch Räuscherkerzen und Myrthe -
Der Duft die Menge leicht verwirrte!
Und Jemand sprach still, verwundert:
„Hier riechts nach technischem Jahrhundert!“

Ne Woche drauf! .. Ich saß gemütlich
im Sessel, laß die Zeitung friedlich,
den Bauch voll Feiertage-Reste –
es war wieder Sonntag – und Sylvester.

Es sprach mein Weib: „Du weißt Bescheid?!
Es kommen heut zur Abendzeit
Schulzes, Lehmanns und Herr Meier
zu unserer Sylvesterfeier…“
Wir werden leben wie die Fürsten –
es gibt Sauerkraut mit Wiener Würsten!!“
Ein Schrei ertönt! Entsetzt sie schaut:
„Am Christbaum hängt mein Sauerkraut!!
Vergessen, Neues zu besorgen!
Ich werde was vom Nachbarn borgen!“
Die Nachbarn links, rechts, drunter, drüber -
die hatten – leider – keines über!
Da schauten wir uns an verdrossen:
Die Läden sind ja auch geschlossen!!

Und so ward wieder ICH der Retter
nahm ab vom Baum das Lametta!
Mit Terpentinöl und Bedacht
hab ich das Silber abgemacht.
Das Kraut dann gründlich durchgewässert,
mit reichlich Essig noch verbessert,
dazu noch Nelken, Pfeffer, Salz
und Curry, Ingwer, Gänseschmalz!
Dann, als das Ganze sich erhitzte -
das Kraut das funkelte und blitzte -
da konnte ich nur nach oben flehen:
Laß diesen Kelch vorübergehen…!

Als später dann das Kraut serviert
ist auch noch folgendes passiert:
Als eine Dame mußte niesen
sah man aus ihrem Näschen sprießen
tausend kleine Silbersterne…
„Machs noch einmals, ich seh das so gerne..“
so rief man ringsum, hocherfreut -
die Dame wußte nicht Bescheid!

Franziska Lehmann sprach zum Franz:
„Dein Goldzahn hat heut Silberglanz!“
Und einer, der da mußte mal
der rief: „Ich hab nen Silberstrahl!“
So gabs nach dieser Krautmethode
noch manche nette Episode!

Beim Heimgang sprach ein Gast zu mir:
„Es hat mir gut gefallen hier,
doch wär die Wohnung noch viel netter
hättest du am Weihnachtsbaum Lametta!!!“
Ich konnte da gequält nur lächeln
und mir noch frische Luft zufächeln.
Ich sprach – und klopfte ihm aufs Jäckchen:
„Im nächsten Jahr, da kauf ich 100 Päckchen!!“

Weihnacht

24.12.2007

Es war Weihnacht. Ich ging über die weite Ebene. Der Schnee war wie Glas. Es war kalt. Die Luft war tot. Keine Bewegung, kein Ton. Der Horizont war rund. Der Himmel schwarz. Die Sterne gestorben. Der Mond gestern zu Grabe getragen. Die Sonne nicht aufgegangen. Ich schrie. Ich hörte mich nicht. Ich schrie wieder. Ich sah einen Körper auf dem Schnee liegen. Es war das Christkind. Die Glieder weiß und starr. Der Heiligenschein eine gelbe gefrorene Scheibe. Ich nahm das Kind in die Hände. Ich bewegte seine Arme auf und ab. Ich öffnete seine Lider. Es hatte keine Augen. Ich hatte Hunger. Ich aß den Heiligenschein. Er schmeckte wie altes Brot. Ich biß ihm den Kopf ab. Alter Marzipan. Ich ging weiter.

Friedrich Dürrenmatt

Weihnachtstime

23.12.2007

When the last Kalender-sheets
flattern trough the winter-streets
and Dezember wind is blowing,
then ist everybody knowing
that it is not allzuweit:
she does come – the Weihnachtszeit.

All the Menschen, Leute, people
flippen out of ihr warm Stüble,
run to Kaufhof, Aldi, Mess,
make Konsum and business.
Kaufen this und jene Dings
and the Churchturmglocke rings.

Manche holen sich a Tännchen,
when this brennt, they cry „Attention“.
Rufen for the Feuerwehr:
„Please come quick to löschen her!“
Goes the Tännchen of in Rauch,
they are standing on the Schlauch.

In the kitchen of the house
mother makes the Christmasschmaus.
She is working, schufting, bakes
hit is now her Yoghurtkeks.
And the Opa says als Tester:
„We are killed bis to Silvester“.
Then he fills the last Glas wine -
yes, this is the christmastime!

Day by day does so vergang
and the Holy night does come.
You can think, you can remember,
this is immer in Dezember.

Then the childrenlein are coming
candle-Wachs is abwärts running.
Bing of Crosby Christmas sings
while the Towerglocke rings
and the angels look so fine -
well this is the Weihnachtstime.

Baby-eyes are big and rund,
the familiy feels kerngesund
when unterm Weihnachtsbaum are hocking
then nothing can them ever shocking.
They are so happy, are so fine -
this happens in the Chistmastime!

The animals all in the house,
the Hund, the Katz, the bird, the mouse,
are turning round the Weihnachtsstress,
enjoy this day as never nie,
well they find Kittekat and Chappi
in the geschenkkarton von Pappi.

The familiy begins to sing
and wieder does a Glöckchen ring.
Zum song vom grünen Tannenbaum
the Tränen rennen down and down.
Bis our mother plötzlich flennt: ?
The christmas-Gans im Ofen brennt!“
Her nose indeed is very fine ?
Ende of the Weihnachtstime.

Weihnachtstime Version 2

When the last kalender-sheets
flattern through the winter streets
and decemberwind ist blowing -
then is everybody knowing
that it is not allzuweit:
coming is the weihnachtszeit!

All the menschen, kinder, people,
flippen out of ihr warm stüb’l
run to kaufhof, aldi, mess,
make consum and business.
kaufen this and jenes dings -
and the churchturmglocke rings!
Alle are on hurry trab,
jagen highstreet auf and ab.
schilder-gass along and quer,
in the old town hin und her.

And they carry in den händen
plastik tütes with präsenten.
the buyer grinst, the seller lacht:
who has business gemacht?
everybody thinks: that’s fine -
yes, this is the weihnachtstime!

Viele kaufen sich a tännchen.
when this brennt, they cry „attention!“
rufen for the feuerwehr:
„please, come quick to mir here her!“
goes the tännchen auf in rauch,
they are standing on the schlauch!

In these days with stress and noise
hears man oft des Heinos voice.
sings he too deep then ringsaround
the people go to underground.
but when he sings vielleicht too high,
the people gucken in the sky.
In the kitchen of the house
mother makes a christmas-schmaus.
nach rezepten „oetker-kraft“.
it is super, what she schafft!
she is working, schufting, bakes -
the hit is now her joghurt-keks.
And the opa says als tester:
„I’m filled up bis zu silvester!“

Und immer noch

22.12.2007

Ein alter Stall im Winterwind
die Wände schief die Fenster blind
auf gelbem Futterkrippenstroh
ein Kind – in dulci jubilo
ein stiller Stern der langsam steigt
vor dem sich Ochs und Esel neigt
vor dem die weise Demut kniet
mit Weihrauch Myrrhe Hirtenlied.
Das Bild 2000 Jahre fern
trägt den Vermerk:
Geburt des Herrn.

Seitdem statt Stall und stillem Glanz
christfestlich süßer Firlefanz
der Dome Prunk der Messen Pracht
der Warenhäuser größte Schlacht
kalt gleißt der Kunststofftannenbaum
der Blick faßt die Geschenke kaum
die Perlen, Pelze Puppen und
den trotzdem noch nicht satten Schlund
der ei poppei society
und niemand hört das Kind – es schrie
direkt aus einem Fernsehbild
sein Hungermund blieb ungestillt
die Weihnachtsglocken schlugen’s tot
der Himmel über ihm war rot.

Welch Farcen-Fest! Sein Stern so fern
und immer noch: Geburt des Herrn.

Kriemhild Klie-Riedel

Großstadt-Weihnachten

21.12.2007

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glase.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
„Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!“

Und frohgelaunt spricht er vom ‘Weihnachtswetter’,
mag es nun regnen oder mag es schnein.
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Gück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
„Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.“

Kurt Tucholsky